Karpaten 2016

Wir starten unsere diesjährige Transkarpatentour (Ralfs sechste, Annetts zweite) am 30. Mai und fahren zunächst fast 800 km nach Süden. Wie immer übernachten wir in Kecskemét (Ungarn) und am nächsten Tag geht es für die letzten ca. 450 km zum Treffpunkt der Tour in ein Hotel in der Nähe der Stadt Orastie (Rumänien), direkt am Fuße der Karpaten. Dort empfängt uns bereits unser deutscher Co-Scout Sven, den wir von früheren Touren schon gut kennen. Im Laufe des Nachmittags stößt dann auch unser rumänischer Chefscout Adrian zu uns.

Nach und nach treffen alle zehn Teilnehmerfahrzeuge ein: vier Autos aus der Schweiz, zwei aus Österreich und vier aus Deutschland. Um 20:00 ist offizielle Begrüßung, wir essen zusammen Abendbrot und lernen uns und die Scouts ein wenig kennen. Adrian gibt schon mal einige Ausblicke auf die kommende Woche. Der Boden ist derzeit matschig und aufgeweicht, einige Passagen werden gar nicht befahrbar sein, also mal wieder der höchste Schwierigkeitsgrad. Wir sollten es erleben.

Wir starten unsere Tour, wie ab jetzt jeden Morgen, pünktlich um 9:00 Uhr und es geht ohne Einleitung durch ein hügeliges Tal hinein ins Gebirge. Von Anfang an ist der Boden sehr aufgeweicht und glitschig. Offenbar muss es die letzten 2 Wochen hier schon eine Menge geregnet haben. So sind auch die ersten Berge kaum ohne Seilwinden zu bewältigen. Sobald die Reifenprofile voll Schlamm sind, geht bergauf kaum noch etwas. Wir schaffen diesen ersten Tag gerade einmal 18 km.

Ein deutscher Mitfahrer fährt mit seinem 90er Defender eine technische Verschränkungs-passage zu schnell an, rutscht mit den fahrerseitigen Rädern in eine Senke, kippt und legt sich auf die Seite. Leider reagiert er nicht sofort und stellt den Motor ab, was sich noch rächen sollte.  Nach dem Aufrichten läuft der Motor noch eine kurze Weile und verweigert dann den Dienst. Offenbar ist doch Öl- bzw. Luft oder Beides in das Kraftstoffsystem oder an andere Stellen in den Motor gelangt, wo es nicht hingehört. Auch das versuchte Entlüften bringt nichts mehr. Der erste Ausfall der Tour schon am 1. Tag. Der Defender wird bis zur Raststelle geschleppt und während die Gruppe ihre Mittagspause genießt, von hier aus von den Scouts bergab ins Tal bis befahrbare Straßen erreicht sind. Von hier aus muss dann der Abschlepp-dienst weiterhelfen.

 

Am Nachmittag ist der erste Reifenwechsel fällig. Bei einer steilen schlammigen Passage zerfetzt es bei einem 110er Defender einen Vorderreifen völlig und er muss ausgetauscht werden. Nachdem auch das geschafft ist, erreichen wir bald unser erstes Camp. Die Camps in den Karpaten sind meist grasbewachsene Lichtungen oder auch Hochflächen auf dem Berg, je nach Wettersituation. Wir haben die ganze Woche hindurch sehr durchwachsenes Wetter, sonnige Abschnitte wechseln sich mit düsteren Wolken und teils heftigen Regenschauern ab. Nachts wird es z.T. empfindlich kalt bis hin zu Bodenfrost. Tagsüber haben wir 10-15°C, in der Sonne auch manchmal deutlich wärmer. Wie jeden folgenden Abend sitzen wir hier beim Lagerfeuer zusammen und hoffen, dass wir am 2. Tag weniger winchen müssen.

 

Weit gefehlt. Da wir laut unserem Scout heute über die Höhen kommen müssen, ist schon die erste Passage, die auf lehmigen Waldboden steil ansteigt, nur und ausschließlich mit den Winden zu bewältigen. Da kostet uns sechs Stunden. Dazu regnet es und wird immer glatter, so dass auch die nachfolgenden Passagen auf der Höhe weitgehend ohne Windeneinsatz unbefahrbar sind. Bei einem  90er Defender bricht schließlich das Vorderachsdifferential. Er kann mit Zweiradantrieb aber noch teilweise selber fahren.

Bei dem Range-Rover platzt wenig später der Kühler und nichts geht mehr. Also Planänderung: Die gesamte Gruppe fährt mit den defekten Fahrzeugen im Schlepptau bergab in die nächste Stadt. Dort wird der Einkaufsstopp, der eigentlich für den nächsten Tag vorgesehen war, vorgezogen. Die beiden defekten Fahrzeuge scheiden nun leider aus und müssen in den nächsten Tagen repariert werden. Insgesamt werden es auch an diesem Tag nicht mehr als 10km und das mit Stadtbesuch! Da es weiter regnet und es eine Unwetterwarnung für das Gebirge gibt, campen wir diese Nacht auf einer Parkfläche in der Nähe der Stadt, wo wir unsere Zelte in Holzüberdachungen aufstellen können.

 

Am 3. Tag geht es mehr oder weniger auf den Bergkämmen weiter. Bei stark wechselhaften Wetter kämpfen wir uns z.T. wieder durch tiefen Schlamm unter teilweisen Windeneinsatz. Beim Fahren in den Hohlwegen gibt es zwei Reifenpannen. Beide Male trifft es den 110er Defender vom Vortag. Die Reifen können mit Hilfe von Bremsflüssigkeit, die im Reifen angezündet wird, durch die Ausdehnung der heißen Luft wieder auf die Felge zurückgedrückt werden. Das ist durch den Schlammboden eine ziemliche Schweinerei. Gott sei Dank, fahren wir fast immer durch dichten Wald, so dass das Auto an den Bäumen „hochgewincht“ werden kann und der Wagenheber nicht im Schlamm versinkt. Als wären die Reifenpannen noch nicht genug, verlieren wir denselben  Defender gegen Mittag mit Getriebeschaden. Das Mittendifferential „is gone“.  Wenn einmal der Wurm drin ist….. Im Starkregen schleppen die beiden Scouts zusammen den 110er Defender ins Tal und die Gruppe muss warten, aber es ist ohnehin Mittagszeit.  Es verlassen uns noch zwei weitere Fahrzeuge aus persönlichen Gründen und folgen dem Abgeschleppten ins Tal. Danach geht es mit nun insgesamt nur noch 6 Fahrzeugen (einschließlich der beiden Scoutfahrzeuge) in ein sehr schönes, hochgelegenes Camp bei zwar relativ starken Wind, aber immerhin mit einem regenfreien Lagerfeuerabend.

 

Der vorletzte Tag soll der schönste Tour-Tag werden. Durch die dezimierte, aber nun sehr motivierte und bewegliche Gruppe kommen wir jetzt deutlich schneller voran. Bei prima Sonnenwetter bewältigen wir zunächst den „River of no return“ flussaufwärts. Der Nissan Patrol mit großem Radabstand setzt schon am ersten größeren Stein mit dem Bauch auf und entschließt sich, materialschonend mit dem Chefscout neben dem Fluss zum Treffpunkt zu fahren. Wir sind damit zum ersten Mal Führungsfahrzeug im River und ich steige immer wieder aus, um in der stark technischen Passage mit extremen Verschränkungen den besten Weg über die Steine zu finden. Unser 90er Td4 ist mit seinem stark untersetzten 1. Gang das ideale Fahrzeug dafür und kriecht wie eine Echse über die Hindernisse. Das macht richtig Spaß. Das erste Mal fahre ich den River dieses Jahr mit sämtlichen Differentialsperren (in den Vorjahren hatte ich nur dass Mittendifferential gesperrt, um besser lenken zu können), was sich als ideal herausstellt. Das Auto sucht sich damit im 1. Gang und mit wenig Zusatzgas den Weg bei idealer Traktion fast allein. Nach dem Fluss geht es z.T. in technisch anspruchsvollen Passagen, z.T. auch in schmalen, sehr steinigen Flussbetten und tiefen Hohlwegen, immer weiter bergauf bis zum höchsten Punkt der Tour auf 2.900 m Höhe (Gipfelkreuz). Hier liegen noch einige Schneereste. Die letzte Campstelle bei dieser Tour finden wir schließlich ein Stück bergab in einer schmalen Lichtung.

 

Am letzten Tag führt unsere Fahrt durch sehr schlammige Hohlwege. Es geht z.T. recht steil bergab und ist sehr schlierig und rutschig, so dass bis zum Mittag mit hoher Konzentration gefahren werden muss. Gegen Ende der Tour versinken wir noch einmal im tiefen Schlamm auf einer im Tal liegenden Wiese. Hier muss dann bei einigen Fahrzeugen noch einmal die Winde eingesetzt werden. Ich kannte die Stelle vom letzten Jahr und bewältige sie mit Anlauf und Vollgas im 3. Gang. Das klappt auch diesmal, wenn auch sehr knapp.

Die Tour endet offiziell wie immer im Tal am Ufer eines Flusses, in dem wir noch Lampen und Nummernschilder vom Schlamm befreien können. Wer will, kann noch das Schloss des Grafen Dracula in Hunedoara besuchen. Die anderen machen sich von hier aus auf den Heimweg. Für uns endet der Tag wie immer am späten Abend wieder in „unserem“ Hotel in Kecskemét.

 

Wir hoffen, die Fotos deuten zumindest an, wie schwer die Tour diesmal zu bewältigen war. Leider wirken die Szenen auf den Bildern weniger spektakulär, als sie es in der Tat waren.

Für alle Freunde anspruchsvoller Offroadstrecken mit unterschiedlichsten Geländeeigen-schaften und z.T. sehr hohen Schwierigkeitsgraden, die auch vor einem eventuellen Schaden am Auto nicht zurückschrecken, sind die Karpaten ein wahres Offroad-Paradies. Natürlich sollte man derartig anspruchsvolle Touren nur mit mindestens einem erfahrenen Scout und mit mehreren, gut ausgestatteten und möglichst leichten Autos fahren (MT-Reifen und starke Seilwinde mindestens! Überrollkäfig zu empfehlen). Autos mit großem Aufbau, Dachzelten und schwerem Innenausbau sind definitiv nicht geeignet und große Schäden vorprogrammiert.